Zur Analyse Mineralwasserflaschen
Dabei stellt sich gerade bei der Verpackung eines »Produkts« wie Wasser das Problem, neben einer objektiv gegebenen Funktionsanforderung auch eine über die Gestaltung transportierte symbolische Aussage zu treffen über eine Ware, die keine Farbe, keinen Geschmack und eigentlich auch keine besonderen Eigenschaften hat.
Aufgrund dieser Gegebenheiten kommt der Verpackung eine besondere Bedeutung zu, sie allein kann ein Image etablieren. Im Folgenden sollen anhand dreier Beispiele verschiedene Gestaltungsvarianten mit Blick auf die Designstrategien dargestellt werden.

links: 1-Literflasche von »Perrier«; ohne weitere Angaben der Firma
mitte: Klarglasflasche als sog. Brunneneinheitsflasche. 1969 von Günther Kupetz entworfen, seither milliardenfach produziert.
rechts: 1,5-Liter Kunststoffflasche, 1996 von Bernard Maincon entworfen, seit 1997 auf dem deutschen Markt
1. Perrier
(Glas, Inhalt: ll, Einwegflasche)
Die Flasche fällt auf durch ihre charakteristische, bauchige Form und die grüne Einfärbung. Beides sorgt für Klarglasflasche eine gewisse unverwechselbare Eleganz, wenngleich (Hassia, Detail) die gefüllte Flasche mit einem Liter Inhalt dadurch eher schlecht zu handhaben ist (Gewicht, Abrutschgefahr, ungünstiger Schwerpunkt).
Zusätzlich nobilitiert wird das Produkt durch den goldenen, metallenen Schraubverschluss, der in Form eines Qualität und Unverfälschtheit garantierenden »Originalverschlusses« gestaltet ist, sowie durch die banderolenartigen, aufwendigen Etiketten, die den Goldton noch einmal anklingen lassen. Sie rücken mit ihrer aufwendigen Typografie und dem wappenartigen Signet auf der unteren Banderole das Produkt in die Nähe von Wein, der ja auch traditionell in grüne Flaschen gefüllt wird, bzw. wecken Assoziationen zu «wertvollen» Substanzen, die vor Licht geschützt werden müssen. Der französische Produktname fügt sich - zumindest auf dem deutschen Markt - nahtlos in die Argumentationsstrategie, die auf Nobilitierung setzt, und sei es noch so haarsträubend: «Source Perrier aus Frankreich prickelnde Elegance» (Text auf der oberen Banderole).
In ihrer Formsprache besinnt sich die Gestaltung der Flasche auf ein elementares Symbol für Wasser - den Tropfen, der in die Flaschenform überführt wird.
2. Hassia
(Glas, Inhalt: 0,7 I, Mehrweg-Pfandflasche) Die Klarglasflasche entspricht der natürlichen Erscheinung (und Vorstellung) von Wasser. Ihre schlanke, zylindrische Form, die nach oben spitz zuläuft und eine markante Taille oberhalb der Mitte hat, gewährleistet in Verbindung mit den typischen Glasnoppen ein hohes Maß an Griffsicherheit, auch bei voller Flasche und mit nassen Händen.
Der inzwischen zum Standard gewordene Originalverschluss ist aus Plastik und weiß-transparent. Damit passt er zu den hellen, einen kaum merklichen Farbverlauf von weiß nach zartviolett aufweisenden, einfachen Etiketten. Diese stehen in ihrer Gestaltung für Reinheit, Sauberkeit, Frische, besonders aber für Gesundheit bzw., einer beanspruchten Heilkraft, was durch das antikisierende, aquarellartige Brunnen-Motiv auf beiden Etiketten suggeriert wird. Diese Anspielung auf antike Heilbäder wird auch durch die Verwendung der «modernisierten», weil durchweg klein gesetzten, Pseudo-Antiqua des Produktnamens unterstützt.
Durch Verwendung von goldgelben Farbstreifen an den Etikettenrändern gelingt eine geschickte Verbindung von nobilitierendem Gold-Effekt und der natürlichen, positiven Assoziation von Sonnenschein und Lebensfreude – Symbole südländischen Lebens.
Werbepsychologisch und designtechnisch wird Vitalität und Lebensfreude auch durch die oberhalb der Taille befindlichen Glasnoppen ausgedrückt: das auftreffende Licht bricht sich in den erhabenen Noppen und symbolisiert so das Wesen des Sprudelwassers – das frische, glitzernde Aufsteigen der Luftblasen.
Auf dem deutschen Markt dominieren bislang die Glasflaschen. Die Klarheit des Materials steht hier für die Klarheit des Produkts. Darüber hinaus ist Glas beim Verbraucher positiv besetzt, es transportiert nach wie vor die Schlüsselbotschaft, eine »reelle« Ware zu enthalten. Außerdem besitzt Glas große visuelle Anziehungskraft, es kann den Inhalt größer, also als quantitativ mehr erscheinen lassen - übrigens ein Grund für viele Hersteller Glasverpackungen zu wählen wo auch Alternativen denkbar wären.
Glas kommt auch dem Wunsch nach umweltverträglicher Verpackung entgegen. Während die Perrier-Flasche zwar nur eine Einwegflasche, also immerhin potentiell recyclebar ist, handelt es sich bei der Taillenflasche um ein so genanntes «Brunnen – Einheitsgebinde» der Genossenschaft deutscher Brunnen (GdB). Darunter versteht man eine Mehrweg-Pfandflasche, die in ein geschlossenes, nationales System eingebunden ist (Flaschen, Kästen, Paletten). Das Ziel dabei war, ausländische Konkurrenz vom deutschen Markt fernzuhalten, was jedoch auch zu Absatzproblemen auf dem europäischen Markt führt.
Bezüglich der Zahl der Umläufe einer Mehrweg-Flasche sind verlässliche Zahlen kaum zu bekommen, die Angaben schwanken zwischen 25 und 60!
3. Volvic
(Kunststoff, Inhalt 1,5l, Recycling-Pfandflasche) Im Gegensatz zu den beiden anderen Flaschen handelt es sich hier um eine Kunststofflasche, die sich nicht nur im Material, sondern auch in Bezug auf die Form deutlich unterscheidet: Sie hat eine quadratische Grundform und läuft zum Kunststoff-Originalverschluss hin pyramidal zu. Mittlerweile wird sie aus klarem Kunststoff gefertigt. Um den Inhalt von 1,5 1 sicher in dem dünnen, flexiblen und sehr leichten Material transportieren zu können, wurde die Flasche mit aussteifenden Rippen oder Griffrillen versehen, was ihr ein modernes, technoides Aussehen verleiht, das fast als architektonisch bezeichnet werden könnte, würden die leicht geschwungenen Rillen diesen Eindruck nicht wieder etwas zurücknehmen und mit dem Bild bewegten Wassers verbinden.
Die Flasche verjüngt sich fast unmerklich auch nach unten, was sie leicht und weniger plump aussehen lässt. Zur sicheren Handhabung besonders der noch vollen Flasche wurden rundum in der Mitte kleine Griffmulden angebracht, die zusätzlich die Festigkeit erhöhen.
In ihrer Argumentationsstrategie stützt sich Volvic auf eine andere (klischeehafte) Eigenschaft von Wasser, nämlich dass es als fließend und mit einer leichten Wellenbewegung versehen in der Vorstellung des Konsumenten verankert ist. Die klare Flasche suggeriert die Eigenschaften, die man von Wasser allgemein erwartet: Kühle, Frische, Reinheit, Ursprünglichkeit usw.
Diese Botschaft vermittelt auch das (aus technischen Gründen der Befestigung) vollständig umlaufende Etikett, welches vorne die stilisierte Grafik einer weiten Überschaulandschaft zeigt, die vom fett gesetzten Produktnamen geradezu überstrahlt wird, hinten dagegen deren fotografische Entsprechung, welche den Herkunftsort des Wassers noch zusätzlich glaubhaft machen will – gezeigt wird die Landschaft der Auvergne in Frankreich. Die Vorteile der Kunststofflasche liegen für Produzenten und Käufer in der Leichtigkeit bei relativer Bruchsicherheit, also geringer Verletzungsgefahr, was sie den Glasflaschen deutlich voraushat. Deswegen empfiehlt sie sich zur Wiederverwendung bei Wanderungen, Ausflügen usw.
Angesichts der Abfallproblematik wurde die ehemalige Wegwerf-Flasche in eine Recycling-Pfandflasche umgewandelt, was besagt, dass die Flasche zur Weiterverwertung zurückgenommen wird, allerdings nicht im Sinne einer Mehrwegflasche (Verbrennung, Herstellung von Sekundärprodukten). Demgegenüber haben die PET-Flaschen anderer Hersteller eine Umlaufzahl von 6-8, bevor sie aussortiert und (angeblich) recycled werden.
Beim Vergleich der Flaschen ist bemerkenswert, dass sie im Regal ungefähr gleich groß sind, mithin für einen Konsumenten als prinzipiell gleichwertig erscheinen. Tatsächlich fasst die Kunststofflasche exakt doppelt soviel wie das Brunnen-Einheitsgebinde – 1,51. Die Perrier-Flasche liegt mit 11 Inhalt zwischen den beiden.
Was wir im Vorausgehenden erfahren haben, lässt sich durch die Untersuchung anderer Beispiele wie Zahnbürsten, Shampoo-Flaschen, Füller, Kaffee- und Teekannen usw. überprüfen.
Johannes Kirschenmann
Einstelldatum: Dezember 2008


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