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Wirtschaftswunder-Zeit

Die ersten Jahre nach der Kriegskatastrophe bis zur Währungsreform 1948 bilden eine Ausnahmesituation, denn in Notzeiten spielt das Aussehen irgendwelcher Gebrauchsgegenstände nur eine nebensächliche Rolle. Zunächst hatte es gegolten, einfachste Bedürfnisse zu befriedigen, um überhaupt überleben zu können. Deutschland hatte den Rausch und Bankrott des Nazireiches hinter sich gelassen, der depressive Neubeginn gestaltete sich für viele schwierig. Eine »Stunde Null«, wie oft mythenreich suggeriert wird, hat es bei ideologisch unbelasteter Betrachtung nicht gegeben. Der Wahlkampf 1949 wurde beherrscht von der Auseinandersetzung um die zukünftige Wirtschaftsordnung, in der sich die CDU mit ihrem Konzept der "sozialen Marktwirtschaft" gegen andere Modelle durchsetzen konnte. Diese durch die Westmächte entschieden beeinflusste Entscheidung bildete nach dem Zusammenbruch eine der wichtigsten Voraussetzungen für die ökonomische und politische Konsolidierung der Bundesrepublik. 

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Fiat Nuova 500 (ab 1958)
© Foto Larry Roeder, Lüneburg


Individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit sollten zum "Wohlstand für alle" führen. Trotz anfänglicher antikapitalistischer Sehnsüchte breiter Bevölkerungsschichten kam es in Konrad Adenauers junger Kanzlerdemokratie zu keiner gründlichen Neuordnung der Wirtschaft (Ahlener Programm der CDU 1947: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden«), denn weder wurde im Westen eine Bodenreform erreicht, noch die kriegsbeteiligte Großindustrie entflechtet oder der Sachwert- und Produktionsmittelbesitz angetastet. Mit dem eingeschlagenen Weg der neuen Wirtschaftsordnung wurde sowohl einer eher liberalkapitalistischen als auch einer sozialistischen Planwirtschaft eine klare Absage erteilt, - niemand konnte allerdings verhindern, dass sich das beschönigende Lügengras ausbreitete und die Schuldfrage angesichts der deutschen Verbrechen verdrängt wurde, zumal es in Staat und Wirtschaft meist beim alten Personal geblieben war. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich attestierte den Deutschen eine "Unfähigkeit zu trauern". Schon während des Krieges waren sich die politisch auf den Kurs der Westmächte eingeschworenen Restaurationskräfte darüber einig geworden, sozialistischen Entwicklungen – wie im sowjetischen Einflussgebiet der späteren DDR – entschlossen entgegen zu treten. Unter diesen Voraussetzungen wird die Teilung Deutschlands schließlich 1949 besiegelt durch die Gründung zweier wirtschaftlich unterschiedlich verfasster deutscher Staaten. Deren Weiterentwicklungen sind uns bekannt.

Bedingt durch den schließlich auf Deutschland zurückgekehrten Krieg mit seinen enorme Zerstörungen und Opfern kam die Produktion von Gebrauchsgütern zunächst nur stotternd voran. Noch funktionsfähige Unternehmen versuchten, das Notwendige zur Verfügung zu stellen. Häufig wurden Kriegsprodukte wie Stahlhelme, Gasmasken oder Feldflaschen umfunktionalisiert in kuriose Gebrauchsgegenstände wie Schöpflöffel, Kochtöpfe oder Teekannen. Parallel mit dem von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (1897-1977) vorangetriebenen Konzept der sozialen Marktwirtschaft (»Wohlstand für alle«, 1953, siehe die Quelle unten) entsteht durch den großen Bedarf ein wirtschaftlicher Aufstieg, der historisch ohnegleichen ist und die 50er Jahre mit enormen Wachstumsraten prägt. Als neues Ziel galt: Die Produktion müsse sich nach der Nachfrage ausrichten und nicht umgekehrt. In der Folgezeit verdoppelten sich die Löhne und die Arbeitslosenquote lag meist unter einem Prozent; Kaufkraft entstand, die den Konsum von Gebrauchsgütern enorm ankurbelte. Im Nachhinein zwar glorifizierend als »Wirtschaftswunder« bezeichnet, bedeutet die rasante Entwicklung bei distanzierter Betrachtung vor allem die mit Hilfe der Westallianz geleistete Anpassungsleistung konservativer gesellschaftlicher Kräfte mit ihrer vorhandenen Wirtschaftsmacht an die neuen Rahmenbedingungen der noch jungen Demokratie.  

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Messerschmitt Kabinenroller KR 200, Design Fritz Fend 1956 © Foto Jürgen Wolf

Aus Kriegsgegnern wurden Verbündete. Der kalkuliert eingesetzte - und zweifellos höchst willkommene - Kapitalsegen aus dem amerikanischen »Marshall-Plan« begünstigte die Produktentwicklung der Bundesrepublik nachhaltig, seine Auswirkungen »erstreckten sich auch früh auf eine Gestaltung des Verbraucherbewusstseins nach dem Leitbild der amerikanischen Konsumkultur.« (Gert Selle) Denn die Bereitschaft der Bevölkerung zur Beseitigung ihrer selbst zu verantwortenden Trümmer war nach den traumatischen Erfahrungen der Nazi-Diktatur ebenso groß wie ihr Bedürfnis nach friedlichen Zeiten. Hinzu kam ein großer Bedarf nach brauchbaren und qualitätvollen Gütern. Die durch den wirtschaftlichen Aufschwung gewonnene Kaufkraft spiegelte sich in einer differenzierten Produktpalette. Neben neuen und bereits bekannten Marken etablierten sich viele internationale Unternehmen mit ihren Tochterfirmen erfolgreich in der jungen Bundesrepublik und trugen so zur Diversifikation bei. Alles, was fortan über den großen Teich schwappte, erschien mit seinen elegant gestylten, erfrischend farbigen, oft üppigen Formen als kultureller Code zeitgemäß und symbolisierte angesichts der vergleichsweise kargen Entwicklungen im Osten Deutschlands die Erfolgsgeschichte des modernen »freien Westens«. Die Vorstellungen eines sich ausbreitenden »modern life« in all seinen Facetten lassen sich wohl nur erweitert denken, sie bezogen sich auf die provokative abstrakte Kunst ebenso wie auf erfolgreiche Hollywoodfilme, Jazzmusik, nonkonforme Umgangsformen, Lucky Strike, Nyltesthemden und natürlich auch auf die vielen praktischen Alltagsdinge, die nun im Sinne eines schablonenhaften Selbstbewusstseins (»wir sind wieder wer«) in die deutschen Haushalte einzogen: Staubsauger, Küchenmaschinen, Kofferradios, Waschautomaten, Kleinwagen, Musiktruhen, plastikbezogene Möbel, Tütenlampen et cetera. Alles Dinge, die geradezu emblematisch diese Phase charakterisieren und mit denen man sich damals sehen lassen konnte.

Anonym entsteht in Germany ein eigenwilliger Volksvertreter jener Zeit, der oft karikierte deutsche »Nierentisch«, der mit seiner »floating form« im behaglichen Wohnzimmer die tropfenförmige »stream-line« der Coca Cola-Flasche oder die originellen Mobiles Alexander Calders nicht verleugnen kann. Augenzwinkernd sieht ihn Martin Warnke gegen den Rationalismus des "rechten Winkels" opponieren und ordnet ihn dem traditionellen Ensemble biederer Couchecken unter. Er notiert: "Zwischen den rundlichen, pausbäckigen Polstermöbeln bedeutet der leichtfüßige Nierentisch ein Ferment, das ungeregelte, bewegte Linienbeziehungen zwischen den Gruppengliedern einzufädeln suchte. Die Couchecke jener Jahre wollte unaufdringliche Vermittlungsdienste in einem gleitenden Wachsen und Werden leisten. Die Couchecke wurde als eine organische Zelle konzipiert." (Warnke 1979, S. 683) Designgeschichtlich blieb er allerdings eher ein wundersamer Sonderling, dessen ästhetische Qualitäten erst viel später im Revival neu entdeckt und nicht nur von IKEA in jüngster Zeit erneut ins Wohnambiente gezwängt werden.

© Werner Stehr

Quellen:
Michael Schneider: Die Form der frühen Jahre
Wilhelm Wagenfeld: Wesen und Gestalt der Dinge (1948) 
Ludwig Erhard: Der Wille zum Verbrauch (1957)


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Wohnzimmer mit Nierentisch (1956) 
© Foto Ulrike Wallbaum

Harry Bertoia: »Diamond Chair« (1952)
© T.Haas, designwissen.net, 2011

 



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 Mixer/Entsafter Firma Bauknecht (1958) 

© Foto Keith D. Jordan

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Vespa Motorroller mit meiner Tante Anneliese (1957) 
© Archiv des Verfassers

Einstelldatum: April 2009