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Technisches Gerät der Wohnung

Pädagogischer Sachbearbeiter im FWU:
Luis Demmeler
Beiblatt:
Dr. Hans Wichmann, Deutscher Werkbund Bayern e. V., München
Farbaufnahmen:
Renate Gnamm

Obwohl die Technik so alt wie die Menschheit ist und bei weiter Auslegung ein Faustkeil aus Feuerstein ebenso wie ein Atomreaktor unter diesen Begriff eingereiht werden können, ist doch erst unser Jahrhundert weitgehend von ihr geprägt worden. Erst in diesem Säkulum verschmolzen dominant analytisch-experimentell ausgerichtete Naturwissenschaft, Technik und Industrie zu einer untrennbaren Einheit, erst das 20. Jahrhundert entwickelte eine in keiner Epoche nachweisbare Rationalisierung des Produktions- und Arbeitsprozesses und — durch diesen hindurch — des ganzen Lebens.

Technische, vor allem elektrisch betriebene Geräte sind deshalb auch in der Wohnung zu unentbehrlichen und selbstverständlichen Hilfs- und Informationsmitteln geworden. Bügeleisen, Staubsauger, Kühlschrank, Rundfunk- oder Fernsehgerät gehören heute innerhalb der Industrienationen zur Elementarausstattung fast jeder Wohnung. Gerade weil der Mensch in der Wohnung täglich mit diesen Dingen umgeht, sollte auch ihre Gestalt seinen Bedürfnissen und seinem Empfinden entsprechen. Grundforderungen an ein Gerät dieser Art wären deshalb: einwandfreie Funktion, bequeme Handhabung und Pflege und eine ästhetisch befriedigende Erscheinung, die in Proportionierung und Farbgebung — ohne die technische Herkunft und Eigenart verbergen zu müssen — dem häuslichen Bereich gerecht wird. Geräte, die diesen Erfordernissen entsprechen, entstehen heute in Industriebetrieben zumeist in großen Serien als Gemeinschaftsarbeit einer Entwicklungsgruppe, der auch ein Produktgestalter integriert ist.

Erstmals in der Geschichte übernahm der Architekt Peter Behrens 1907 eine Funktion dieser Art in der Firma AEG. Seine Mitarbeit erstreckte sich nicht nur auf den Entwurf von Zeichnungen, sondern er gestaltete mit Konstrukteuren Erzeugnisse des Betriebes und prägte zudem das >Graphische Gesicht« der Firma. Er war damit der erste künstlerische Mitarbeiter eines Großbetriebes, der erste >Formgeber< oder, besser bezeichnet, der erste industrial designer oder Produktgestalter. Sein Beispiel war Ausgangspunkt für die Bildung einer völlig neuen Berufsgruppe, die mehr und mehr ein unentbehrlicher Bestandteil der heutigen Industriegesellschaft geworden ist.

Industrieprodukte guter Form sind unauffällig; der Spielraum individuellen Ausdrucks in ihrer Gestalt ist begrenzt. Es ist ihnen das gleiche Wesen eigen wie den vielen Gebrauchsgütern vorindustrieller Kulturen, deren Formung zumeist schmucklos der Funktion folgt und deren Produktion neben den Werken der jeweiligen Hochkunst parallel lief. Geräte dieser Art erhoben keinen Repräsentationsanspruch; sie waren gebrauchstüchtig, wahrhaftig. Merkmale dieser Haltung haben sich auch in verschiedenen technischen Produkten der frühen Industrialisierungsphase erhalten, und zwar dann, wenn ihnen kein >Geltungsnutzen< abverlangt wurde. Zu dieser formalen Haltung gilt es, durch die Formgebung eine geistige Brücke unter Berücksichtigung der rationalen Erfordernisse der Wirtschaft zu schlagen. Diese sind klar bestimmt; denn der eigentliche Zweck jeglicher unternehmerischer Tätigkeit, Güter herzustellen, muss rentabel, eine Gewinn einbringende Absatzmöglichkeit muss gewährleistet sein. Das Gesetz der Ordnung und Sparsamkeit waltet in einem Betrieb, es ist letztlich auch das des Produktgestalters. Diese Welt wird nur dann für ihn ein fruchtbares Tätigkeitsfeld sein, wenn er eine enge Fühlungnahme mit dem Konstrukteur, der Fabrikationsleitung, dem Meister und dem Mann an der Werkbank herzustellen vermag, ebenso wie mit dem Leiter der Marktanalyse, der Verkaufs- und Werbeabteilung. Nur wenn er sich in diesem Feld vielfältigster Bindungen einzuordnen vermag, wird er Formen mit den geringsten und einfachsten Mitteln zu erzielen vermögen; denn Formgebung bezieht sich nicht nur auf die sichtbare Erscheinung des industriell hergestellten Gegenstandes, ist keine Hüllenmacherei, sondern umschließt gleichzeitig die Forderung nach Preiswürdigkeit sowie nach wirtschaftlicher, material- und funktionsgerechter Herstellung der Produkte. Die Form soll sich aus dem technischen Aufbau und der Zweckbestimmung des Produktes entwickeln und ist somit von objektiven Faktoren abhängig. Dieser Integrationsprozess von technischer und gestalterischer Forderung ist ein äußerst diffiziles und schwieriges Problem. Seine Lösung setzt nicht allein eine hohe technische und konstruktive Befähigung, sondern gleichzeitig eine auf die menschbezogene Funktion ausgerichtete konstruktiv-formale voraus, zudem psychologisches Einfühlungsvermögen, und sie erfordert außerdem, um gleich zwei oft missbrauchte Begriffe auf einmal zu verwenden, künstlerischen Geschmack. Künstlerischer Geschmack ist nicht nur angeborene, sondern auch entwickelte Begabung; entwickelt durch dauernde und systematische Beschäftigung mit formal-ästhetischen Problemen an Hand von realen Aufgaben mit dem Ziel, von rein subjektiven zu möglichst objektiven Wertungen zu gelangen (nach F. Eichler). Nur diese ermöglichen es, die Form eines Erzeugnisses aus dem Bereich des Modischen herauszuheben und die Produktleistung durch eine weitere Qualitätskomponente abzurunden.

Qualitätsgütern wohnt eine hochgradige Nutzungsstiftung inne, die in positiver Weise nicht nur das individuelle, sondern auch das gemeinschaftliche Leben zu beeinflussen vermag. Da weiterhin im Wesen der Formgebung Produktauslese und günstige Produktionsbedingungen begründet sind, müsste — wie dies zum Teil zu beobachten ist — als deren Folge die Wettbewerbsfähigkeit gestalteter Produkte verbessert und damit Preissenkung gegeben sein. Allein durch die Andeutung dieser wenigen Fakten wird deutlich, dass Produktgestaltung heute als integrierter Bestandteil eines Gutes ein wichtiger absatzwirtschaftlicher Faktor aller Industrieländer und damit auch Deutschlands ist. Für Deutschland und all diejenigen Länder, die auf den Absatz ihrer Waren im Ausland, auf Export also, angewiesen sind, hat dieses Problem höchste, ja lebenswichtige Bedeutung; denn Qualitätsausfuhr ist nur dorthin möglich, wo auch Qualitätswaren verlangt werden. Diese Länder sind aber bestrebt, Güter dieser Art selbst herzustellen und sie nicht einzuführen. Diese Tendenz wird aber dann durchbrochen, wenn ein Land auf bestimmten Gebieten Spitzenleistungen aufzuweisen hat, die von anderen Ländern durchschnittlich gleichen Formwillens nicht erreicht werden. Nur hierin liegt die Chance eines auch künftigen regen Exports, zumal die zunehmende Liberalisierung sowohl des europäischen wie auch des Obersee-Marktes zu einem sich ständig steigernden Wettbewerb führen muss, der sich gleichzeitig auf Leistungen und Preise richtet, und nur ausgesprochene Spitzenleistungen können damit rechnen, Preise zu bestimmen. Spitzenleistungen sind heute aber nur bewusst gestaltete Güter, die sich von irgendwie in die Welt gesetzten Erzeugnissen durch bessere Ordnung, vermehrte Materialgerechtigkeit, stärkere Rücksichtnahme auf die Funktion in ihrem mehrfachen Sinn und damit größere Wahrhaftigkeit auszeichnen. Sie werden damit selbstverständlicher zu erscheinen, sich in unserem Leben gewaltloser und natürlicher einzufügen vermögen. Neben den oben angedeuteten rational-wirtschaftlichen Erwägungen dient deshalb Produktgestaltung der psychischen Existenz des Menschen. Infolgedessen leistet jedes Land und jeder Industriebetrieb, der sich um Qualität im umfassenden Sinne bemüht, einen Beitrag zur Verbesserung unseres Lebens.

Einstelldatum: September 2008