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III. Design-Grundlagen

1. Die Methodik mit dem Menschen im Mittelpunkt

Wir haben nun schon kleine Einblicke in die Begriffsdefinition, die Geschichte und die Beurteilung von Design bekommen. Auch die eine oder andere praktische Übung liegt hinter uns, wir kennen den Begriff des Lastenhefts und wahrscheinlich zeichnet sich langsam eine Vorstellung von Design ab, so dass wir uns nun verstärkt der Praxis, dem Vorgang des Designs von Produkten an sich, annähern wollen. Die Gestaltung eines Gegenstandes, also das Entwickeln einer Produktsprache kann vor dem Hintergrund der Mensch-Objekt-Relation gesehen werden, da wir es im Design mit den Beziehungen zwischen einem Benutzer und einem Produkt ... zu tun haben.«13 Hier vollzieht sich langsam ein Wandel. Demnach soll nicht mehr das Industrieprodukt im Mittelpunkt der Methodik stehen, sondern vielmehr soll der Mensch selber als Konsument eines Dinges ins Zentrum der Betrachtungsweise rücken. Die Grafik veranschaulicht, welche Relationen zwischen einem Produkt und dem Menschen sich unter diesem veränderten Blickwinkel ergeben.
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Die Menge der gesamten produktbestimmenden Faktoren ist natürlich deutlich komplexer und detaillierter. Außerdem sei darauf hingewiesen, dass die einzelnen Faktoren hinsichtlich ihrer Gewichtung je nach Produktaufgabe stark variieren. Es folgen nun zu den Bereichen Ästhetik, Funktion, Handhabung (Ergonomie) erste formale Grundlagen.



2. Die Formgebung

Hier einen vollständigen Exkurs durch die Gestaltungsmethodik wiedergeben zu wollen, würde wahrlich zu weit führen. Getreu unserem Motto, alles möglichst einfach und überschaubar zu halten, werden wir uns darauf beschränken, nur einige fundamentale Standard-Bausteine anzuführen und zu erklären. Diese können und sollen zum Denken und (Wieder-)Erkennen, aber auch Umsetzen in den praktischen Übungen im Teil IV anregen.

1.) Regelgeometrien im Gegensatz zu Freiformflächen und –körper.

Erstere sind auf vielfältigste Weise mathematisch definierte Formen wie im Zweidimensionalen z.B. Quadrat, Rechteck, Dreieck, Kreis, usw. und im Dreidimensionalen Kubus, Quader, Prisma, Kugel, Kegel, Kegelstumpf, Ellipsoide usw. Freiformen sind alle anderen, z.B. und vor allem organische-, Natur-Formen. (Kleine Aufgabe am Rande: einige Regelgeometrien (unter Idealbedingungen) tauchen auch in der Natur auf – welche könnten diese sein und wo sind sie zu finden?) In welchem Verhältnis zueinander sie im Produktdesign Anwendung finden, ist sehr individuell und oftmals von persönlicher Programmatik oder z.B. auch von Fertigungsmöglichkeiten abhängig. In jedem Fall ist ihre jeweilige optische Wirkung sehr unterschiedlich. (Aufgabe: Produkte suchen und vergleichend analysieren).

2.) Drei verschiedene Gestaltungskonzepte.
A) das additive Gestaltungsprinzip: Einzelteile sind stumpf bzw. technisch
verbunden; jedes Teil ist klar für sich erkennbar und dominant; ein thematischer Zusammenhang kann oftmals weitläuf iger ausfallen;
B) das integrative Gestaltungsprinzip: hier sind Einzelteile formal durch Übergänge verbunden; vor allem die moderne Kunststofftechnik, aber auch diverse Gussverfahren haben das Verschmelzen von zuvor formal alleinstehenden Einzelteilen gefördert; thematisch rücken die Einzelkomponenten enger aneinander, sie korrespondieren miteinander und müssen umso durchdachter in Hinblick auf ihre Proportionen untereinander gestaltet werden; zur deutlich verringerten Dominanz eines jeden Einzelteils gesellen sich noch erkennbare Verbindungsvolumina und die Gesamterscheinung exponiert sich mehr oder weniger stark;
C) das integrale Gestaltungsprinzip: Die Gesamterscheinung als nur noch ein Körper dominiert deutlich; weitere Komponenten werden von der Form dieses Körpers geschluckt bzw. sind z.B. bündig eingelassen, oder einfach nur ausgespart. (Aufgabe: Produktbilder suchen, vergleichen und einer Tabelle mit drei Spalten zuordnen.)

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Skizzen von Doris Kabutke

3.) Radientopologie.
Das Beherrschen des Umgangs mit Kantenabrundungen ist nicht nur für den seriellen Fertigungsprozess, sondern auch für die Ästhetik eines Körpers wichtig. In Natura gibt es kaum gestaltete Körper, die nicht abgerundete Kanten besitzen. Dafür gibt es eine Menge verschiedenster Gründe, ein paar wenige seien hier genannt: fertigungstechnische Gründe bei z.B. allen Guss- und Pressverfahren, dem Fräsen von Innenkonturen (Materialanhäufungen und  spannungen, Werkzeugabnutzung), funktionstechnische Gründe (Kerbwirkungen und ungünstiger Kraftfluss), Handhabungsgründe (Schnitt- und sonstige Verletzungsgefahr, Verschmutzung an scharfen Innenkonturen), abnutzungsbedingte Gründe (scharfe Kanten bekommen leicht Schlagstellen und werden dann unansehnlich) und formale Gründe. Bei rein technischen Teilen bzw. Produkten kann es hingegen schon mal kostengünstiger sein, ein z.B. Blech-Stanzteil gar nicht zu entgraten. Betrachtet man unter diesem Aspekt beispielhaft einen Würfel als sehr übersichtlichen einfachen geometrischen Körper, so lässt sich leicht erkennen, wie das mit den Radien funktioniert: z.B. beginnt man damit die Kante einer Seitenfläche mit einem einheitlichen Radius rundherum abzurunden. An den Ecken entstehen sogenannte Gehrungen.

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Skizzen von Doris Kabutke

Möchte man dann an einer Kante, die rechtwinklig auf einer der Ecken dieser Fläche steht, einen größeren, als den vorhergehenden Radius anbringen, so merkt man schnell, dass man ein Anschlussproblem an den kleineren hat. Man kann dann zwar mit Hilfe von Schleifpapier die entstehenden, seltsamen Formen versuchen etwas zu kaschieren, aber das Ergebnis wird wohl kaum zufriedenstellend ausfallen, und mit herkömmlicher Maschinentechnik, z.B. Fräsen ließe sich die Form nicht herstellen, weil ein großer Kugel-Fräser nicht durch einen kleineren Kantenradius hindurchfahren kann.
So spiegelt sich Gestaltungsqualität in klarer Radientopologie wider: Ein
z.B. quaderoder würfelförmiges Gehäuse hat dann entweder rundherum identische Radien, oder nach Abrunden eines »Mantels« mit größerem Radius, werden Deckel- und Bodenflächen mittels kleinerem Radius sauber angerundet = Deckel-Boden-Mantel- Prinzip. Am Würfel kann man auch noch gut das Zwei Klammer-Prinzip und das Drei-Winkel-Prinzip nachvollziehen. Das 2-Klammer Prinzip: die Kanten der beiden jeweils aus drei u-förmig verbundenen Quadratflächen bestehenden Gebilde, werden mit großen Radien verrundet. Nach dem Zusammensetzen (Ineinanderschieben) dieser beiden Teile werden die übrigen Kanten mit einem kleineren Radius abgerundet. Beim 3-Winkelprinzip sind im Gegensatz dazu jeweils nur zwei Flächen über große Radien miteinander verbunden und nach dem Zusammenfügen werden auch hier wieder die verbleibenden scharfen Kanten mit kleinerem Radius abgerundet. Diese Prinzipien der Radientopologie bzw. Hierarchie von Kantenabrundungen können nun an allen, auch komplexeren, Formen angewendet werden.

4.) Konkave und konvexe Formen
Je nach Wölbungsrichtung verhalten sich Flächen vollkommen unterschiedlich im Umgang mit Licht und Schatten. Wie welche Formen wirken, kann man an modernen Autoformen studieren, bei denen sich konkave und konvexe Flächen abwechseln. Welche wirken eher dunkler, welche eher heller? Welche größer oder kleiner?

5.) Das semantische Raummodell
Die so genannte Produktsemantik meint ganz vereinfacht gesagt »die selbsterklärende Wirkung eines Produktes« bzw. den aus der Form abzuleitende gesellschaftliche wie auch individuellen Umgang mit einem Produkt. Beispiel: Kaum jemand wird versuchen einen Drehknopf vom Herd in eine lineare Schiebebewegung bringen zu wollen; oder: Wir greifen in der Regel sicher an den Griff eines heißen Bügeleisens anstatt an dessen Sohle; Fernseher besitzen normalerweise eine deutliche Ausrichtung der Form, ähnlich einem Trichter, hin zum Betrachter usw. Das Designerduo Helga und Hans-Jürgen Lannoch hat den semantischen Raum in einzelne Ebenen unterteilt um daraufhin aus einer aktuell umgangssprachlichanalytischen Betrachtung jeweilige Formen ableiten zu können. »In einem solchen semantischen Raum dienen die räumlichen Merkmale eines Gegenstandes dem Erkennen seiner Eigenschaften und seiner Bedeutung für den Menschen.«14 Die
verschiedenen semantischen Ebenen, sprachlich mit dem Begriff ›Dimension‹ an die Geometrie angelehnt, sind im Einzelnen:

1. Beschaffenheitsdimension: z.B. glatt, hart eckig, rau, etc.
2. Orientierungsdimension: innen, seitlich, oben, vorne, rechts, etc.
3. Zustandsdimension: still, liegend, abgeschlossen, zu, hängend, etc.
4. Relationsdimension: hoch, eng, laut, schwer, etc.
5. Handlungsmöglichkeitsdimension: dreh-, anfass-, abnehm-, trag-, verformbar, etc.
6. Wert-/Konventionsdimension: kitschig, gemütlich, schön, praktisch, etc.

Sie sollen über die bekannte Dreidimensionalität und damit geometrischen Relationen des Raums hinaus eine Relation zum Menschen definieren. Praktisch lassen sich dazu Formmodelle anfertigen, die diese Begriffe zum Ausdruck bringen und damit die entsprechenden ‚Dimensionen’ vermitteln (vgl. Form Nr. 118, S.12ff.). Hierzu wird sich zunächst ein Begriff aus einer Ebene ausgesucht, mit diesem dann möglichst ausführlich, verbal (schriftlich), analytisch und interpretativ auseinandergesetzt um das Erarbeitete dann in einem Modell umzusetzen.



3. Die Technik

Neben den formalen Faktoren fließen in die Gestaltung von Dingen noch weitere, zahlreiche Aspekte, z.B. hinsichtlich Technik, Gebrauch und Wirtschaft, mit ein. Auch an dieser Stelle ist es wieder schwierig den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Daher konzentrieren wir uns auf einige wenige, besonders wichtig erscheinende Bereiche:

1.) Materialien / Werkstoffe:

Die Auswahl des Materials, bzw. der Materialkombinationen ist für die Formgebung eines Produktes sowohl für den Charakter als auch die Fertigungsmöglichkeiten von großer Bedeutung. Um verschiedene Werkstoffe zu analysieren, ist es hilfreich, wenn jeder Teilnehmer zwei zuvor abgestimmte (damit es keine Überschneidungen gibt) Materialproben mitbringt. Diese können dann beschrieben und auf ihre Eigenschaften sowie Be- und Verarbeitung hin getestet werden.
Eine kleine Beispielsliste:
Holz, Sperrholz, Stein, Gummi, verschiedenste Metalle, Glas, Keramik, Lack, thermo-, duroplastische und elastomere Kunststoffe, Fasermaterial (Papier, Stoff,Hanf, Haar, usw.), Flüssigkeiten, usw. Das Sprichwort »probieren geht über studieren« kann an dieser Stelle ruhig wörtlich genommen werden. Durch den direkten Umgang mit den Materialien bzw. Werkstoffen erfährt man spielerisch mehr über deren Eigenschaften.

2.) Be-/ Verarbeitung und Einsatz von Materialien:

Sägen, Bohren, Fräsen, Drehen, Drechseln, Schleifen, usw. sind sogenannte spanende Bearbeitungsmethoden. Materialien können aber auch durch Gussverfahren (z.B. Metalle, Kunststoffe, Glas, Keramik usw.), Biegen, Pressen, Luft- oder Wasserdruck (z.B. blasen, Vakuumtiefziehen, usw.), Laser, Funkenerosion, schichtweisem Materialauftrag (z.B.laminieren, Lack spritzen, 3D-Print) usw. ver- bzw. geformt werden. Verbindungen können durch Nieten, Schrauben, Kleben, Schweißen, Löten, Klemmen, Reibung (z.B. Nageln, Pressen), Schnüren, Verkeilen erzeugt werden.
Alle diese Materialien und ihre Verarbeitung erfordern wiederum spezielle
Behandlung und individuellen Einsatz. Einige stichwortartige Erkenntnisse:
Stein bzw. Zement kann kaum Zugkräfte aufnehmen, deshalb wird an entsprechenden Stellen eine Eisenarmierung mit eingebracht. Dicke Querschnitte erhöhen die Festigkeit, beispielsweise an einem Fahrradrahmen. Dabei können durchaus hohle Profile (Rohre) verwendet werden, weil die so genannte neutrale Faser, also der in einem Rohr ausgesparte Kern, keinerlei Zug- und Druckkräfte aufnimmt. Größerer Außendurchmesser bedeutet aber auch mehr Material und damit Kosten und Gewicht. Und die Wandstärke eines Rohrs kann auch nicht unendlich dünn gemacht werden. Punktuelle Druckkräfte könnten die Tragstruktur dann angreifen.
Beim Gießen darf eine Gussform keine Hinterschnitte aufweisen, sonst kann das Formmodell oder im Falle einer Dauerform (Kokille) das spätere Gussstück nicht entformt werden. Jedes Herstellungsverfahren weist Toleranzen auf. Diese haben oftmals neben technischen auch optische Auswirkungen. Im Idealfall kann ein Produkt dadurch gewinnen, oftmals müssen aber Kompromisse eingegangen werden, zumal teure Nacharbeit von Hand generell zu vermeiden ist. Z.B. bei Gehäuseteilungen von Kunststoffspritzgussteilen wird so gut wie immer eine Schattenfuge angebracht um Abweichungen zweier aneinandergrenzender Teile zu kaschieren. Je enger dieser »Spalt« konstruiert wird, desto stärker fallen die unvermeidlichen Abweichungen der Bauteile in ihrer Parallelität zueinander auf.

3.) Bionik:
Die verbale Verknüpfung der Begriffe Biologie und Technik beschreibt das Lernen von der Natur. Gleich ein Beispiel: Ein Fuchs rollt sich zusammen, wenn er sich in seiner kalten Höhle zum Schlafen legt. Dadurch wird seine Oberfläche, über die er Wärme verliert, reduziert (Kugelform ist diejenige geometrische Idealform mit der geringsten Oberfläche im Verhältnis zum Volumen.)

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© Kohls [http://www.super-illu.de/report/04109/3/sub.shtml]

Die Firma Foron entwickelte einmal einen Energiespar-Kühlschrank in Tonnenform, bei der gegenüber dem gewöhnlichen vertikalstehenden Quader ebenso die Oberfläche deutlich reduziert wurde – In der Presse hoch gelobt, war ihm auf dem Markt leider kein Erfolg beschieden [vgl. II.3.) Konservativismus]. Zurück zum eingerollten Fuchs:
Gleichzeitig spreizt sich im Rückenbereich sein Fell ab und bildet ein wärmespeicherndes Luftpolster zur Isolierung. Anwendung im Alltag: locker aufgeschüttelte Federn im Federbett, die besser wärmen als zusammengedrücktes Styropor, als aufgeschäumter Kunststoff, in dessen Kügelchen Luft eingeschlossen ist, wird zur Isolierung von Häusern und Pizzalieferanten-Boxen verwendet. Ein weiteres Beispiel, passend zum Fahrradbeispiel unter 2.): Insekten haben ein außenliegendes rohrförmiges Skelett mit maximalem Querschnitt für maximale Stabilität bei geringstem Gewicht. Tragwerkstreben werden heute Bäumen nachempfunden; Tragflächen von Verkehrsflugzeugen erhalten spezielle Flügelspitzen, die aerodynamisch  ungünstige Luftverwirblungen verhindern – Vorbild ist der Adler, der seine Flügelspitzen in besonderer Weise abspreizen, bzw. auffächern kann. Es gibt unzählige weitere Beispiele und aktuelle Studien.

4. Der Markt
... und welche Rolle Design dabei spielt. Markt, Käufer- und Verkäufermarkt, Bedürfnisse, Marketing, Werbung usw. wurden schon in den Kontext integriert. So rückt nun der Begriff Corporate Identity in den Fokus. Corporate Identity beschreibt den schlüssigen Zusammenhang zwischen Erscheinung, Taten und Worten eines Unternehmens im Sinne einer Einheit aus bestenfalls gesund gewachsener und strategisch geplanter Unternehmensphilosophie, einer langfristigen Unternehmenszielsetzung (meistens vor allem wirtschaftlich geprägt) und eines definierten (Soll-) Images. Die Unternehmenspersönlichkeit setzt sich ergo aus Unternehmensverhalten, Unternehmenskommunikation (innerer und nach außen orientierter) und dem Unternehmenserscheinungsbild zusammen. Von außen wird dieses Gebilde als Corporate Image wahrgenommen. Weil das Unternehmenserscheinungsbild als einzige Komponente scheinbar leicht darstellbar (visuell) ist, wird es auch oftmals stark überbewertet, wenn nicht fälschlicherweise sogar komplett gleichgesetzt mit CI. Es setzt sich aus allen visuell wahrnehmbaren Elementen zusammen: Produkte, Firmengelände, Fuhrpark, Mitarbeiter, deren Erscheinung, Logo, Briefpapier, Messeauftritte, optische Gestaltung der Werbung (visuelle Kommunikation). »Beim Bemühen um die Gunst des Käufers ist das Design eines Produktes ein Baustein innerhalb der Aktivität von Unternehmen.«15 Entwickelt ein Hersteller ein neues Produkt und bezieht den Designer erst am Ende des Prozesses ein, in der Praxis immer noch häufig der Fall, so kann dem entstehenden Produkt bestenfalls ein letzter Feinschliff verpasst werden (gutes Styling). Dieses hat dann aber weniger etwas mit Design, denn vielmehr mit Marken- bzw. Label- Propaganda zu tun. Allzu oft endet diese Vorgehensweise in nachträglich aufgesetzter und belangloser Produktkosmetik (schlechtes Styling). Um innerhalb der CI eine langfristige Marken- und Designstrategie zu entwickeln, ist es sinnvoll, wie bei aufgeschlossenen, innovativen Herstellerunternehmen aber inzwischen durchaus üblich, Designer von Anfang an in den Entstehungsprozess einzubinden, um zusammen mit Technik, Marketing und Vertrieb die neuen Produkte zu kreieren. »Gerade für mittelständische Unternehmen ist Design oft wesentlicher Unterscheidungsfaktor im Wettbewerb. Nicht von ungefähr sind im Mittelstand besonders viele designorientierte Unternehmen zu finden. Im Einheitsbrei der Produkte versuchen sie, sich durch eine klare Designbotschaft und ein schlüssiges Erscheinungsbild zu profilieren und damit die Käufergunst zu erlangen.«16
Je besser dabei das Unternehmen sich selbst, seine Produkte und seine Zielgruppe definieren kann, je stärker also die CI, desto höher ist die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Otl Aicher, Mitgründer der HfG Ulm formulierte dies so:» man ist so, wie man sich zeigt, und wie man sich zeigt, so ist man. das Erscheinungsbild ist nicht nur das äußere, wenn es auch von vielen so nach der klassischen Philosophie gesehen wird. es ist das eigentliche. man kann nicht existieren, ohne sich zu zeigen, und wie man sich zeigt, so ist man.«



5. Der Design-Prozess

1. Ablauf:
Wie geht es nach dem Startschuss für eine Produktentwicklung, respektive des umfassenden Briefings bzw. Lastenhefts, denn nun weiter? Das untenstehende Schaubild von Prof. Horst C. H. Meru des »meru-Designprozess« 18 gliedert den Ablauf in einzelne Phasen.


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Die Vorbereitungsphase bei Meru entspricht der Briefingphase. Darauf folgt die Konzeptionsphase, in der man der Vereinfachung halber Informationsphase und Bewertungsphase zusammenfassen kann: Sie dient dazu, das Produkt zu definieren. Dazu wird erst einmal recherchiert und vorhandenes bzw. ähnliches analysiert. Dann werden alle Gedanken und erste Ideen skizzenhaft dokumentiert, gesammelt und ausgewertet. Dabei ist es nahezu egal, wie scheinbar abwegig die Gedanken sind oder woher sie inspiriert werden – die Fähigkeit an sich zählt, seinen Gedanken und Gefühlen Grenzenlosigkeit einzuräumen (Bsp. Bei der Aufgabe des Lichtschalter-Designs, kam einem Teilnehmer die Idee eines Dunkel-Schalters.). Manchmal ergibt sich aus der Recherche und Ideensammlung, das Lastenheft in Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber noch einmal zu ergänzen und anzupassen zu müssen, bevor es »eingefroren« wird. Wichtig in dieser Phase ist die genaue Projektplanung, in der auch Zeitpläne erstellt werden, die aufzeigen, was zu welchem Zeitpunkt fertig sein muss, welches KnowHow wann bereitzustehen hat, welche Entscheidung wann zu treffen ist, um andere Mitarbeiter, Zulieferfirmen, Auftraggeber, etc. mit möglichst wenig kostenintensiven Reibungsverlusten einbinden zu können. Der Zeitplan enthält auch den SOP – den Termin für den »Start-Of-Production«.

Im nächsten Schritt startet die Schöpferische Phase - die Entwurfsphase (auch Ausarbeitungsphase genannt) mit Präsentation und Auswahl am Ende – oft ist auch eine Zwischenpräsentation notwendig bzw. hilfreich. Der Umfang hängt immer von der Komplexität der Aufgabenstellung (z.B. Neuentwicklung im Unterschied zu Weiterentwicklung / Facelift usw.) ab. Geht es bei der Konzeption noch mehr um das Grundwesen eines Produktes, spielen beim Entwurf schon formale und technische Merkmale eine elementare Rolle: Das Design wird konkretisiert. Hierbei werden verschiedene Ideen, Ansätze und Lösungsalternativen formal, meistens in Form von Skizzen und mittels spezieller Darstellungstechniken zweidimensional illustriert. Bei der häufig angewendeten Rendering-Technik, lassen sich mit Markern sehr schnell farbige Illustrationen erzeugen, die schon einen plastischen Eindruck der späteren Materialität des entstehenden Produktes vermitteln. In diesem Stadium werden manchmal auch dreidimensionale Skizzen in Form von Arbeitsmodellen (von Hand erstellte Vormodelle aus Papier, Holz, Styropor etc., die einen ersten Eindruck über Formgebung, gegebenenfalls Handhabung und Volumina aufzeigen) erstellt, um die unterschiedlichen neuartigen Ideen [vgl. I.3.) das Neue] bildhaft kommunizieren und zur Diskussion stellen zu können. Mit Abschluss dieser Phase, nach Präsentation und Auswahlentscheidung eines Entwurfs sollte das neue Objekt in seinem Wesen definiert sein.
Die Detaillierung, also die eigentliche Entwicklung, man spricht auch von Durchführungsoder Umsetzungsphase, kann beginnen. Hierbei werden heutzutage meistens neben den klassischen manuellen Darstellungsmethoden, wie technische Zeichnungen und maßhaltige Modelle, CAD/CAM – Computer Aided Design- und Computer Aided Machining -Techniken zu Hilfe genommen. Der große Vorteil in diesen Hilfsmitteln besteht darin,
dass bereits die dreidimensionalen Zeichnungsdaten, entsprechend modifiziert, weiterverwendet werden können für z.B. Modellbau, Prototypenbau, Werkzeugbau, weitere Bauteilentwicklungen, bis hin zu Produktverpackungen und Broschüren. Lediglich mit dem weit verbreiteten Irrglauben, dass dadurch die gute alte Handskizze oder gar die Kreativität ausgedient hätten, muss aufgeräumt werden. Es handelt sich lediglich um ein Werkzeug, wie es jeder Bleistift auch ist. Auf dem Weg durch die Entwicklungsphase, ist eine Menge Abstimmungsarbeit mit Technikern erforderlich: beispielsweise müssen Funktionen, Dimensionierungen, Produktionsrelevante Eigenschaften usw. abgestimmt werden. Auch die Marketingabteilung, namentlich die Produktmanager und der spätere Vertriebsapparat, will mit eingebunden sein, sie müssen schließlich bereits parallel die Produkteinführung planen und Vermarktungsstrategien entwickeln. Am Ende dieser Phase steht im Allgemeinen der Bau eines Anschauungs- ggf. auch Funktionsmodells um alle gemachten Überlegungen möglichst realistisch nachvollziehbar zu machen. Dieses geschieht dann in der Präsentation vor allen Verantwortlichen. Danach werden dann alle Maßnahmen zum Serienproduktionsbeginn getroffen; z.B. Funktionstests, TÜVPrüfungen, Einrichtung der Fertigung, usw. Damit haben die DesignerInnen meistens wenig zu tun; Bsp.: im Fall von notwendigen Überarbeitungen.

2. Präsentation:
Der gesamte Designprozess, vom Lastenheft, in dem der zu erschaffende neuartige Gegenstand zuvor definiert wurde, über die Entwicklung, in Form einer Kombination und Interpretation von mehr oder weniger bekannten und auch ganz neuen Formelementen, bis hin zum ‚Product-Launch’, wird permanent begleitet von zahlreichen Präsentationen. Diese werden jeweils durch entsprechende zweidimensionale Skizzen, Zeichnungen, Renderings, Computeranimationen unterstützt. Mit dem weiteren Fortschritt der Produktentwicklung kommen immer mehr dreidimensionale Modelle zum Einsatz, von Vormodellen und Volumenmodellen am Anfang bis zu maßstabsgetreuen bzw. 1:1 perfekt gefinishten, vom Original kaum zu unterscheidenden Design- und Funktionsmodellen sowie Prototypen. Wie bereits in I.3.) »das Neue« dargestellt, besteht die Kunst immer darin, das Wesentliche, schlüssig und prägnant, knapp und logisch, mit Worten allgemeinverständlich zu vermitteln. Präsentieren nimmt so eine Schlüsselposition in der Tätigkeit der DesignerInnen ein. Da der Weg über eigene Designerfahrungen bis hierher ein doch eher langwieriger Prozess ist, kann die passende Präsentationsübung auch sehr gut vorgezogen werden und beispielsweise als entspannter Einstieg in das Designthema dienen. Es wird nämlich wieder mit einem ‚fertigen’ Gegenstand gearbeitet, an dem vorhandene Form- und Charaktermerkmale gesucht und in kreativer Weise analysiert und präsentiert werden sollen. Das ganze wird dann eine sehr erfrischende Produkt - Präsentation (-sübung), die im (nächsten) Kapitel IV.3.) detailliert beschrieben wird.

Einstelldatum: Oktober 2008