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Vitra

II. Design-Beurteilung

1. Die Sinnlichkeit von Produkten

Da in der Designlehre ein Wandel wahrnehmbar wird, wonach nicht mehr nur vom Industrieprodukt als Mittelpunkt ausgegangen wird, sondern vom Menschen als Rezipienten des selbigen, liegt es nahe, sich mit dem Menschen im Allgemeinen und seiner Sinnlichkeit und den entsprechenden Sinnesorganen im Speziellen verstärkt zu beschäftigen. Obwohl das Lexikon uns neun Sinne attestiert, reduzieren sich bei gesunden Menschen die Sinne vorwiegend auf die Gesichtssinne, mit großem Vorsprung angeführt vom Sehen, gefolgt vom Hören und dem Riechen. Im gleichen Maß wie die Wahrnehmung von unserer heutigen, medial geprägten Welt beansprucht, ja oft überbeansprucht wird (Reizüberflutung), kommen die restlichen sechs Sinne gar nicht zum Einsatz.

Die Hersteller von Produkten übernehmen offensichtlich keinerlei Verantwortung für einen Sinn-, Sinnes- oder Sinnlichkeitsverlust. Im Gegenteil, sie machen sich die Situation zu Nutze und schaffen weiter eine Welt um uns, die sich zunehmend ausschließlich auf von Medien propagierte oberflächliche Redundanzen von Stylingtrends stützt. Permanent werden neue Dinge auf den Markt geworfen, die zwar etwas anders – vor allem mehr trendy – aussehen als ihre Vorgänger; es wird vermeintlicher Mehrwert für den Verbraucher durch die bunte Integration in jeweilige Lebenswelten suggeriert. Kurzlebigkeit, Oberflächlichkeit und Beliebigkeit verdrängen Wertigkeit, Funktion aber auch (echte) Emotion. Gerade letztere wird zwar oft vordergründig angegeben, man kann schon fast sagen vorgegaukelt, aber mit einer solchen Plumpheit, dass es manchmal unerträglich ist: Trend wird mit Emotion gleichgesetzt. Welches sind aber nun die restlichen sechs Sinne? Warum werden sie nicht im gleichen Maße mitbenutzt? Wie könnten sie mehr gereizt bzw. einbezogen werden? Sie alle zusammen in ihrer Summe sind es letztendlich, mit denen wir fühlen und die uns, neben unserer Intelligenz, als Menschen auszeichnen. Also fordern wir sie heraus! ... und forschen mal nach, welche Produkte denn bereits in der Lage sind, mehr als nur Seh- und maximal Tastsinn aus der Reserve zu locken! Die passende Übung ist unter IV.2.) zu finden. Wir werden vielleicht feststellen, es gibt sie, aber es sind wenige: Eine kritische, analytische und möglichst unabhängige Bewertung der Dinge soll helfen sie zukünftig differenzierter, von vordergründigen Einflüssen befreit wahrzunehmen. Wenn man sich dies vergegenwärtigt, entsteht ein neuer Bedarf an Produktentsprechungen. Und dieser sollte auch eingefordert werden. Schließlich haben wir es heutzutage weitestgehend mit besagtem Käufermarkt zu tun. Beim Käufermarkt steht der Konsument im Mittelpunkt. Da sollte der Schritt vom Konsumenten zum Menschen nicht mehr allzu weit sein, Hersteller können sich schlichtweg nicht mehr erlauben, wie beim Verkäufermarkt – in Mangelzeiten, wie z.B. der Nachkriegszeit der 1950er Jahre - nur nach ihrem Gusto Güter zu produzieren. Rückt da nicht der Gedanke nahe, dass schlichtweg menschliche Schwächen ausgenutzt werden? Als Verbraucher sollten wir unsere Machtposition erkennen, reklamieren und nutzen, wenn wir denn ein Bedürfnis nach mehr Futter für unsere Sinne und echter Emotion haben.



2. Die Einflüsse auf die Bewertung

Dass Sinnlichkeit sehr subjektiv ist, muss wohl nicht näher erläutert werden. Dass aber auch viele andere Kriterien u.U. sehr unterschiedlich wahrgenommen und gewichtet werden, soll an folgender Differenzierung deutlich werden, wer wie und warum ein Produkt bewerten wird.

Für Unternehmen ist ein Produkt dann gelungen, wenn es dem Profil der Marke entspricht, letztere mindestens stützt, besser noch aufwertet, Kunden bindet und vor allem den wirtschaftlichen Aspekten entspricht. Bewertet wird, um festzustellen inwieweit im Moment und langfristig möglichst viel Gewinn erzielt wird.
Käufer und Gebraucher eines Produkts legen als Laienjuroren, wie bei Kinofilmen und Büchern eigene, ganz individuelle, vor allem die Ästhetik betreffende, Maßstäbe an. Diese sind es, die im Wesentlichen der Produktdifferenzierung dienen, gleichzeitig aber auch in großem Maß geschmacksabhängig sind. »Geschmack wiederum ist das Ergebnis von Sozialisierung, er ist geschlechts-, nationalitäten- und milieuabhängig und Bewerter sollten sich dessen bewusst sein.«11 Objektive Messbarkeit ist absolut unmöglich.

Fachjurys von Designpreisen kennen ebenso zu gut die Unmöglichkeit, Produkte objektiv bewerten zu wollen. »Es ist einfach nicht möglich, eine präzise Formel oder ein logisch begründbares Regelwerk über die qualitative Bestimmung von Design aufzustellen«12, so der Geschäftsführer des Designzentrums NRW. Man hat sich darauf zurückgezogen, Design hauptsächlich anhand seines Innovationsgehalts, Veränderungspotentials, Gebrauchswerts und Visualisierung desselbigen sowie seiner Nachhaltigkeit zu benoten. Im weitesten Sinne werden Designpreise ausgeschrieben, um auf jene Kriterien aufmerksam zu machen, diese als messbare Größen zu etablieren und entsprechende Produktideen zu fördern. Die Schwierigkeit, überhaupt geeignete Bewertungskriterien für Design zu definieren, ist überdeutlich ablesbar. Und die sozio-kommunikativen, symbolischen und emotionalen Facetten eines Objekts bleiben, im Gegensatz zu technisch-praktischen Funktionen, objektiv nicht erfassbar. Eine gute Kritik garantiert dabei auch noch nicht zwangsläufig kommerziellen Erfolg für den Hersteller.



3. Die bestimmenden Faktoren

Es ist kaum mehr möglich Produktcharaktere einmal von ihrer Beeinflussung durch Marke, Moden, Werbung etc. losgelöst zu betrachten. Deshalb wollen wir uns möglichen Produktmerkmalen und Einflüssen selber zuwenden und Attribute von Produkten auflisten und kommentieren. Daraus lassen sich individuelle Bewertungskriterien verstehen und eigene ableiten. Nachfolgend eine Aufzählung unterschiedlichster, aktueller und visionärer, auch widersprüchlicher, teils polemischer Attribute, für und wider Konsum, zusammengefasst in Szenarien, bunt gemischt sowohl aus Konsumenten-, Produzentenals auch aus Designersicht, um vor allem zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen:

1.)
Konzept, Produktlogik, Konsequentes Design, Unbeliebigkeit, Vergleichbarkeit. Für einen Stuhl könnte ein zukunftsweisendes Konzept z.B. lauten: »Er sollte zum Aufstehen animieren. Das würde die Gesundheit fördern.« Im Widerspruch dazu wird ein Stuhl aber traditionell neben dem Aussehen und Preis nach seiner Bequemlichkeit beurteilt und gekauft. Also ein Wunsch v.a. aus Designersicht? Aus Herstellersicht stehen solchen Visionen viel zu oft wirtschaftliche Risiken im Weg. Konsumentenwünsche weichen ab, weil tradierte Vorstellungen und Sicherheitsdenken einer Neuorientierung, mit der Angst vor dem Experiment, vorgezogen werden. Auch dem Thema Produkt logik können unsere Konsumgüter selten kritikfrei standhalten, beispielsweise des Deutschen liebstes Kind, das Auto: Hier dienen durchschnittlich geschätzte 1,5 Tonnen Leergewicht dazu, je nach Einsatzgebiet zwischen 1,5 und 1,7 Personen (bei 75kg/Person sind das zwischen 112,5 kg – 127,5 kg) von A nach B zu transportieren, ganz zu schweigen von dem Flächenverbrauch für Straßen und Fahrzeuge.

In die Beliebigkeit rutschen Produkte oftmals schon durch entsprechende Details. Bsp.: Eine Küche wird durch die Anordnung der Funktionsbereiche, Form, Korpus und Türteilungen, Material, Oberflächen etc. auf beste Ergonomie, Haltbarkeit und einfaches Sauberhalten entwickelt. Bei den Griffen an Türen und Klappen aber wird aus Kostengründen auf eine breite Standardauswahl zurückgegriffen, welche zugunsten von modischer Erscheinung und dem Produzentenwunsch, es möglichst vielen Kunden recht machen zu wollen, die vorgenannten Eigenschaften überdeckt und so geradezu konterkariert, so dass das gesamte Produkt eigentlich die besten Voraussetzungen mitbringt, um sich aus der Vergleich-, bzw. Austauschbarkeit mit vielen anderen herauszulösen. Mit entsprechendem Design wären die zuvor mühsam erarbeiteten Werte konsequent zu transportieren gewesen.

2.)
Tradition, Konservativismus, Ne ues, Innovationsgehalt, technische Leistung, objektive (messbare) Produktverbesserung, modern, modisch, trendy, Avantgarde. Konservativ sein vermittelt Sicherheit, Bewährtes ist erprobt, erlernte Muster sind bequem, Klassiker erlangen ohne Tradition ihren Status wohl kaum; Neues erfordert Umgewöhnung, Neues garantiert nicht automatisch eine Verbesserung, Neues kann auch lediglich eine kurzlebige Modeerscheinung sein, Neues regt zum Nachdenken und Dialog an, fordert heraus, ohne Neues tritt gesellschaftliche Stagnation ein und es gibt keine Innovation, die z.B. Ressourcen sichern und damit bestenfalls das Leben auf der Erde längerfristig zu ermöglichen. Eine Innovation kann eine echte Neuentwicklung sein oder auch eine Weiterentwicklung, vielleicht auch Redukt ion, eines bekannten Produkts. Z.B. Mercedes A-Klasse 1997: Das neuartige Konzept eines Kompaktautos mit den Innenraummaßen einer Mittelklasselimousine gepaart mit dem Verkehrsflächenverbrauch eines Kleinwagens wäre hier als echte Neuentwicklung anzusehen; den Überbegriff Auto betreffend handelt es sich lediglich um eine Weiterentwicklung. Vielschichtige Möglichkeiten warten auf ihre Entdeckung und mutige Umsetzung. Der passende Begriff für diese Vorreiterrolle heißt ‚Avantgarde’ und zieht ‚moderne’ Produkte nach sich. Im Unterschied dazu folgen ‚modische’ Produkte bereits etablierter Trends, indem sie lediglich dem Zeitgeschmack entsprechende, formale Merkmale oft plakativ, überzeichnend und inflationär zitieren. Eine extreme Ausprägung dessen ist das Retro-Styling (Bsp. VW New Beetle, Plateauschuhe).

3.)
Beständigkeit, Nachhaltigkeit, Klassiker. Beständigkeit muss begrifflich erst einmal unterteilt werden in die physische Haltbarkeit i.S. einer sinnvollen Nutzungsdauer und die Zeitlosigkeit i.S. des Klassikerfaktors. In die sinnvolle Nutzbarkeitsdauer fließen viele Faktoren ein, zum Beispiel:

Wie stark ist die natürliche Abnutzung? Wie aufwändig sind Erhaltung (Wartung) und Betrieb des Produkts? Sind Schäden wirtschaftlich reparabel? Ist ein neues günstiger? Bsp. Servicefreundlichkeit, Verbrauch von Betriebsstoffen.

Bekommt das Objekt eine ästhetische Alterspatina?
Gibt es vielleicht Nachfolgeprodukte mit evolutionären, sinnvollen Neuerungen? Kann ein neues etwas besser als das alte (Bsp. Handhabung, Komfort, Aussehen)?

Was kostet das neue Ersatzprodukt? Neben Aufwand für Entwicklung, Produktion und Vertriebskosten, fließen Absatzmenge, Marke und Qualität in die Preisgestaltung ein.

Welche Umweltbelastungen entstehen bei Entsorgung bzw. Neuherstellung? Ist das Produkt in seine Einzelteile zerlegbar und sortenrein den entsprechenden
Materialkreisläufen rückführbar?

Das Produkt für die Ewigkeit dürfte so gesehen meistens nicht die beste Lösung sein. Beständigkeit ist nicht gleichzusetzen mit Nachhaltigkeit, die auch in nicht ausgewiesen ökologisch orientierten Firmen langsam Einzug hält. Andererseits wäre es unsinnig Produktzyklen beliebig zu verkürzen. Neuentwicklung im evolutionären Sinn hat im Gegensatz zur Stagnation eine Parallele zur Zellerneuerung des organischen Lebens. Zeitlosigkeit ist wesentlich schwieriger messbar. Zeitgeschmack, Moden, Trends, Statusdenken, Idealismus, Nostalgiegefühl, Erinnerungen (Souvenircharakter), Sammelstreben können hier ausschlaggebend für den Austausch oder Erhalt eines Gutes sein. Dabei spielt häufig eine Rolle, inwieweit und zu welchem Zeitpunkt ein Produkt schon als Klassiker benannt wird. Neben vielen anderen sind Beispiele: Porsche 911, die Büroklammer, Möbelklassiker von Vitra, das LuckyStrike- oder Shell-Logo. Dinge, die zu ihren Lebzeiten aufgrund einer Schwäche frühzeitig vom Markt genommen werden, können als Rarität auch Klassikerstatus erlangen.

4.)
Funktion, Ergonomie, Handhabbarkeit, Sicherheit, Komfort, Hilfe, Arbeitserleichterung, Kosten-Nutzen in Relation zu Emotion, Bedürfnis, Status, Individualität, Preis, Wirtschaftswachstum, Selbsttäuschung. Erstere zählen zu den wenigen objektiven Grundwerten eines Objekts, wenngleich sie längst keine Selbstverständlichkeit darstellen. Geht es aber vermeintlich um Emotionen, z.B. Bedürfnis-Befriedigung, werden diese Werte schnell verdrängt; Bsp.: Das Bedürfnis für den 60jährigen EmptyNester (Kinder sind aus dem Haus, wirtschaftlich gut bis sehr gut gestellt) lautet, sich jung zu geben und sich was zu gönnen; das Produkt, das diesen Status transportiert, könnte ein offener Sportwagen sein, bei dem der zu bezahlende Preis nebensächlich oder im Gegenteil sogar für das Statusgefühl wichtig wird. Wirtschaftswachstum wird so in jedem Fall gefördert, ob Statusstreben hingegen der Charakterbildung zuträglich ist, erscheint fraglich.

5.)
Ästhetik, Semantik, Materialien, Materialeinsatz, Umweltverträglichkeit. Wie bereits angedeutet treten bei der Frage nach der Ästhetik messbare Werte wie Einfallsreichtum, Proportionen, Farbkombinationen, Problemlösungen, Selbsterklärung in Konkurrenz zu subjektivem Empfinden von Schönheit oder Hässlichkeit. Einen wesentlichen Beitrag hierzu liefert die Materialauswahl und –Dimensionierung, bei der es neben physischer Haltbarkeit, ökologischer Verträglichkeit, Funktion und Handhabung um Haptik, Charakter, Emotionalität, Semantik, Sinnlichkeit und wie immer natürlich um Kosten geht.

6.)
Authentizität, Originalität, Massenprodukt, Individualität, Sinnlichkeit, echte eigene Emotion i.S. von Gefühl. Im Sinne Andy Warhols, der sich künstlerisch mit dem Thema Originalität, Reproduktion und Massenprodukte auseinandergesetzt hat, ist unsere Gesellschaft wesentlich geprägt von der Vielzahl nahezu unendlich und massenweise (re-)produzierbarer Güter. Den Menschen betrifft vor allem der Widerspruch zwischen der eigenen Individualität und industrieller Serien-Einheitsware. Bei Autos beispielsweise werden deshalb oft entsprechende Individualisierungsversuche durch das Anmontieren von allerlei Sonderzubehör unternommen, was nicht nur Einfluss auf die Authentizität nimmt, sondern u.U. auf die Funktion und Gesamtästhetik und darüber hinaus neue Gruppenbildung bewirkt. Andererseits gibt es durchaus Massenware, die aufgrund der ihr zugrundeliegenden Ideen und dem Dialog mit ihrem Benutzer in der Lage ist, authentisch und individuell zu wirken – Bsp.: Swatch-Uhren. Dieser Dialog lässt sich noch um das Thema Sinnlichkeit erweitern. Einigen Produkten gelingt es durchaus, unsere Sinne zu schärfen, also Seh-, Hör-, usw., i. S. unserer »Fühl«-Gewohnheiten bewusst und erlebbar zu machen. Zum Bsp. der mehrfach ausgezeichnete Arbeits-Sattelstuhl »Capisco« der Fa. HÅG, der flexible Haltungen ermöglicht, bzw. bewegliches und bewusstes Sitzen fördert. Echte eigene Emotionen, im Gegensatz zu den durch Mediengeschürten, lassen sich auch mit der individuell empfundenen Ausstrahlung eines Objekts umschreiben. Beispiele können da sowohl das positive Sitzgefühl auf einem Capisco-Stuhl, die Kinderfreude über den lang erträumten Spielzeugbagger oder die Hassliebe zu einem alten, ererbten Koffer mit klemmenden Schlössern sein.

7.)
Marketing, Avantgarde, Werbung, Marke, Gruppenzugehörigkeit contra Individualismus. Marketing könnte echte Innovationen und Avantgarde von vorherrschenden Vorurteilen und Unsicherheiten gegenüber Neuem abgrenzen, um die Botschaft der Produktneuheit erfolgreich dem zukünftigen Nutzer zu vermitteln. Leider wird dieses Know-how allzu oft dazu missbraucht, geringen Produktinnovationsgehalt nachträglich großartig in Werbung zu verpacken und mittels Markenzeichen den Konsumenten entsprechende Gruppenzugehörigkeit und Identifikationsmöglichkeit zu suggerieren.

Einstelldatum: Oktober 2008