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Handwerk und Industrie im 19. Jahrhundert

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Dampfmaschine auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876, Bildherkunft unbekannt

 

 

Von England ausgehend ist das ausgehende 18. und 19. Jahrhundert einem expansiven wirtschaftlichen Wandel unterworfen. Seine Voraussetzungen werden von Wirtschaftshistorikern meist mit den aufgekommenen Fortschrittsideen in Wissenschaft und Forschung in Verbindung gebracht, eine monokausale Erklärung ist heikel. Ausgelöst wurde der Wandel durch viele Erfindungen und technologische Neuerungen, die fortan alle Lebensbereiche durchdrangen. "Das Wesen der Industriellen Revolution ist die Einführung des Wettbewerbs anstelle der mittelalterlichen Reglementierungen, die früher Produktion und Verteilung des Wohlstands kontrollierten." (Toynbee 1898) Der Strukturwandel drängte die oft noch mittelalterlich-zünftig organisierte handwerkliche und agrarische Produktion in den Hintergrund. Waren die meisten Gebrauchsgeräte bisher meist von spezialisierten Handwerkern geschaffen worden, die ihr Leben lang Dinge vom gleichen Typ herstellten, bildete sich nun als effektivere Produktionsstätte die Fabrik heraus und mit ihr eine veränderte Arbeitsorganisation. Als eindrucksvolles Beispiel malt Adolph v. Menzel (1815 - 1905) ein zeitgenössisches "Eisenwalzwerk", das die neue Produktionsform zeigt. Auch die bereits bestehenden Manufakturen entwickeln sich durch neue Produktionsverfahren zu rationellen Fabriken mit steigenden Output. Benjamin Franklin (1706 – 1790) wird das Sprichwort »Remember that Time is Money« zugeschrieben, denn die antreibende, alles berherrschende »Uhr-Zeit« hält Einzug in die Lebenswelt. Sie sitzt uns gegenüber der »Natur-Zeit« nun ständig im Nacken. In immer kürzerer Zeit lassen sich fortan beliebige Gebrauchsgüter in immer größeren Stückzahlen herstellen.

Mit dem Anlaufen einer solcherart organisierten Massenfertigung geraten die traditionellen Handwerker zwangsläufig unter Druck. Maschinen werden als Bedrohung erlebt, und die Angst vor der Abschaffung der Arbeit greift um sich, denn der Strukturwandel geht einher mit einem erbarmungslosen „Herabdrücken der Produktionskosten“ (Morris). Die gnadenlose Minderung der Lohnkosten wiederum erhöht die Not der Lohnabhängigen - bei gleichzeitig günstigen Verkaufspreisen für Verbraucher. Genau diese soziale Problemlage lässt in England zwischen 1811 und 1818 die Bewegung der »Maschinenstürmer« entstehen. Als neues Berufsbild entsteht der Mechaniker: In arbeitsteiligen Verfahren fertigen seine Hände Erzeugnisse - einerlei ob Kaffeemühle, Küchenstuhl, Automobil oder Dampflokomotive - die hauptsächlich unter der Prämisse ihrer Marktchancen und damit ihren Verkaufsmöglichkeiten gefertigt werden. 

 


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Thonet Stuhl Nr. 14 (1859) © Firma Gebrüder Thonet Frankenberg

Begonnen hatte dieser Entwicklungsprozess vor allem mit James Watts (1736 – 1819) Erfindung der Niederdruck-Dampfmaschine 1782. Wohl keine Technik der europäischen Geschichte, ja, der Weltgeschichte, hat die soziokulturelle und zivilisatorische Landkarte grundlegender verwandelt als seine bahnbrechende Idee maschineller Krafterzeugung. Denn mit der rasanten Veränderung zugunsten mechanisierter Produktionsverfahren wächst zugleich der immense Bedarf an Arbeitskräften zur Fertigung und Verteilung dieser Güter. Designgeschichtlich ist bedeutsam, dass für den seriellen Herstellungsprozesses von Waren diese im Vorfeld zunächst erdacht, entworfen und im Blick auf Absatzchancen und Kosten kalkuliert werden müssen. Die Vorläufer der Designer, wenn man sie schon so nennen will, die über das Aussehen eines Erzeugnisses entschieden, waren noch meist die Ingenieure oder Fabrikbesitzer persönlich. Erst im Folgeprozess der fortschreitenden Massenproduktion und Spezialisierung tritt ein größerer Bedarf an Fachleuten zu Tage, die sich um nichts anderes bemühen als um die Frage einer möglichst zweckmäßigen und ästhetischen Gestaltung der Objekte. In Deutschland gilt diese Phase als Geburtsstunde des industriellen Designers.

© Werner Stehr 


Quellen:
William Morris: Kunde von Nirgendwo (1914)
Hermann Muthesius: Maschinenarbeit (1917)
William Richard Lethaby: Kunst und Handwerk (1913) und Design und Industrie (1915)
Wilhelm Mrazek: Industrielle Revolution und Michael Thonets Möbel aus gebogenem Holz


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Petroleumlampe (1859) Herkunft unbekannt


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Williams Schreibmaschine (1895) © Die Neue Sammlung München

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Thonet Armlehnstuhl (1895) © Firma Gebrüder Thonet Frankenberg

Einstelldatum: Januar 2009