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B3, Wassily

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Foto: Thomas Dix, © Vitra Design Museum

Designer:
Marcel Breuer 

Entwurf: 1925 Produktion: 1926/27
Maße: H 72,5  B 76,5 T 69,5 Sh 43 cm
Material: kaltgebogenes, vernickeltes Stahlrohr, Eisengarnstoff
Hersteller: Standard Möbel, Lengyel & Co., Berlin

Stahlrohr wurde etwa ab 1890 bereits für Krankenhausmöbel, seit 1919 für Autositze des tschechischen Herstellers Tatra und in den Fokker-Werken seit 1924 für Flugzeugsitze verwendet. In den Wohnbereich wurde das Material erst durch Breuers stählernen Clubsessel eingeführt; Breuer initiierte damit im Möbelbau eine ästhetische Wende und einen bedeutenden Industriezweig. Obgleich nicht unmittelbar in den Werkstätten des 'Bauhaus' entstanden, bezeugt seine Geschichte exemplarisch den Geist dieser einflussreichen Institution, deren ökonomisches und ästhetisches Leitbild die Maschinenproduktion, "als modernstes mittel der gestaltung" war, wie es Walter Gropius, der Gründer des 'Bauhaus', im Jahr 1923 schrieb. Material und Konstruktion stellen den 'B3' sichtbar in einen industriellen Kontext, von dem Breuer sich eine Funktionalisierung des Wohnens versprach: "diese metallmöbel sollen nichts weiter als notwendige apparate heutigen lebens sein".  Auf den Gedanken, Stahlrohr für den Bau von Möbeln zu verwenden, kam Marcel Breuer, der damals Leiter der Holzwerkstatt am Dessauer 'Bauhaus' war, über die Begeisterung von der Stabilität seines neu erworbenen Adler-Fahrrades. Um seine Idee umzusetzen, wandte er sich 1925 zunächst an den Hersteller des Rades. Adler hatte jedoch kein Interesse an einer Möbelproduktion. Also ließ er bei der Firma Mannesmann, die das Verfahren zum nahtlosen Kaltziehen von Stahlrohr 1885/86 entwickelt hatte, die nötigen Einzelteile zurechtbiegen. Anschließend engagierte er einen Klempner und baute zusammen mit ihm den ersten Prototypen. Im selben Jahr - dies mag ein historischer Zufall sein - präsentierte Le Corbusier im Pariser 'Pavillon de L'Esprit Nouveau' eine Treppe aus Stahlrohr, die "wie ein Fahrradrahmen gebaut" war. Die wichtigste Innovation des Entwurfs von Breuer bestand darin, die Grundformen eines schweren Polstersessels auf ein leichtes Gerüst aus verschweißten Stahlrohren zu reduzieren. Den Einfluss, den die Möbel Gerrit Rietvelds auf die am 'Bauhaus' entstandenen Entwürfe Marcel Breuers hatten, spürt man auch noch beim 'B3', dessen Stellung von Sitz- und Rückenfläche deutlich an Rietvelds 'Roodblauwe Stool' erinnert. Mehr als jede Holzkonstruktion ermöglichte das vernickelte, reflektierende Stahlrohr eine transparente Erscheinung der Konstruktion, die durch die Reduktion der Flächen auf dünne Stoffbahnen noch gesteigert wurde. Breuers Idealvorstellung, so wie er sie in einem 1926 montierten Film formulierte, war ein Sitzen wie "auf federnden Luftsäulen". Die gespannten Stoffbahnen, die in dem komplizierten Gerüst jeden Kontakt des Benutzers mit dem kalten Stahl verhindern, bilden einen reizvollen Kontrast zum Metall. Bei der Bespannung, die den Glanz des Stahlrohrs wiederholen sollte, dachte Breuer zuerst an ein Gewebe aus Rosshaar, das aber zu teuer und kompliziert zu verarbeiten war. Zudem erwies es sich als instabil, da es an den Schlaufen um das Stahlrohr herum leicht brach. Schließlich wurde nach Breuers Vorstellungen das so genannte 'Eisengarn' entwickelt, das auch als Bespannung für viele spätere Entwürfe, etwa den 'B35', diente.

In seiner vermutlich ersten Version, die nur noch von einer Fotografie her bekannt ist, hatte das verschweißte Gerüst des Stahlrohrsessels vier separate Füße und der Rahmen der Rückenlehne die Form eines oben offenen U's. Die nächste Version wurde unter der Bezeichnung 'B3' bereits von der Firma Standard Möbel vertrieben, die Breuer, Kaiman Lengyel und Anton Lorenz 1926 zur Vermarktung der Breuer-Entwürfe gegründet hatten. Der erste 'B3' war aus neun Teilstücken zusammengeschweißt. Sitz und Rücken bildeten separate Einheiten in einem Gestell aus einer endlosen Stahlrohrschlaufe, bei dem die Beinpaare miteinander zu parallelen Kufen als Standfläche verbunden waren. Breuer hatte dieses Motiv vermutlich in den nahe gelegenen Junkers-Flugzeugwerken entdeckt, wo die Kufen der Werkstische dazu dienten, diese leichter beiseite schieben zu können. Standard Möbel nahm dann weitere Veränderungen am Entwurf vor: Zunächst wurden die Einzelteile der Konstruktion nicht mehr verschweißt, sondern mit Steckhülsen, Schrauben und Muttern zusammengehalten. Der Rücken bestand nicht mehr aus einem U-förmigen Rohr, sondern aus zwei getrennten L-förmigen Seitenteilen, die unten mit dem Sitz verschraubt waren. Auseinander genommen ließen sich über 50 Sessel in einer Kiste von nur einem Kubikmeter verstauen, mehr noch als von Thonets legendärem Modell 'Nr. 14'. In einem weiteren Entwicklungsschritt stabilisierte man den Rücken, indem die Seitenteile oben in einem Bogen zusammengeführt wurden. 1929 wurde Standard Möbel von der Firma Thonet gekauft. Diese behielt den 'B3' nur etwa zwei Jahre lang im Programm, nahm aber noch einmal Veränderungen vor: Die beiden Kufen wurden mit einer geraden Querstange versteift und statt der vor dem Sitz verlaufenden Verbindung, welche die Beine beim Sitzen störte, wurde der Sitzrahmen mit einer unter dem Bezug verlaufenden, gebogenen Querstange verspannt. 1962 nahm die italienische Firma Gavina, die später von Knoll gekauft wurde, die Produktion wieder auf. In Anlehnung an den 'Bauhaus'-Meister Wassily Kandinsky, der früh auf die revolutionäre Ästhetik des Sessels hingewiesen hatte, gab Gavina ihm den heute geläufigen Namen 'Wassily'.

Der 'B 3' wurde zunächst nur von den Architekten, Designern, Künstlern und Besuchern des Dessauer 'Bauhaus' bestaunt, wo er in einigen Wohnungen der 'Meister Siedlung' stand. Schon 1926, auf einer Einzelausstellung Breuers in der Dresdener Kunsthalle, würdigte man ihn als 'Meisterwerk'. Fasziniert von Platz sparenden Faltmöbeln entwarf Breuer 1926 auch eine Klappversion des 'B3' und erwarb 1927 das deutsche Patent für die beiden Modelle. Neben mittlerweile entstandenen Stahlrohrmöbeln von Mart Stam, Mies van der Rohe und Anderen präsentierte er sie auf der einflussreichen Stuttgarter Ausstellung 'Die Wohnung' erstmals der Industrie und einem breiten Publikum. Stahlrohrmöbel, die bald wegen ihrer Leichtigkeit, Hygiene und Widerstandsfähigkeit geschätzt waren, entwickelten sich in den dreißiger Jahren zu einer regelrechten Mode und repräsentieren heute wie kein anderer Gebrauchsgegenstand den Geist der 'Moderne' in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Mathias Schwartz-Clauss
© Vitra Design Museum


Einstelldatum: Februar 2009